Vibe Coding: Die unbequeme Wahrheit über KI-generierten Code
1.7x mehr Bugs, 48% Security-Lücken, 76% der Entwickler misstrauen dem Output. Was die Statistiken über Vibe Coding verraten - und wie du es trotzdem erfolgreich nutzt.

"My SaaS was built with Cursor, zero hand-written code." Das postete ein Indie-Entwickler stolz auf Social Media. Drei Wochen später: "Random things are happening, maxed out usage on API keys, people bypassing the subscription, creating random shit on DB." Der Service wurde dauerhaft eingestellt. (Stack Overflow Blog)
Das ist keine Ausnahme. Es ist die Realität von Vibe Coding im Jahr 2026.
Was zeigen die Zahlen wirklich?
Bevor wir weitergehen: Ich rede hier nicht von Gefühlen oder Anekdoten. Lass uns auf die Daten schauen.
1.7x mehr Issues als menschlicher Code
Eine Analyse von CodeRabbit über 470 Open-Source GitHub Pull Requests zeigt: AI-generierter Code produziert durchschnittlich 10.83 Issues pro Pull Request. Menschlicher Code? 6.45 Issues.
Das sind nicht nur Kleinigkeiten:
- 1.75x mehr Logic- und Correctness-Fehler
- 1.64x mehr Code-Quality-Probleme
- 1.57x mehr Security-Findings
- 1.42x mehr Performance-Issues
48% enthalten Security-Lücken
Laut aktueller Studien enthalten mindestens 48% aller AI-generierten Code-Snippets Security-Vulnerabilities. Frühere Untersuchungen zu GitHub Copilot zeigten, dass 40% der generierten Programme als unsicher flagged wurden.
Noch drastischer: Security-Firma Apiiro stellte fest, dass Entwickler, die AI nutzen, zehnmal mehr Security-Probleme produzieren als ihre Kollegen ohne AI-Tools.
76% der Entwickler misstrauen dem Output
Eine Studie von Qodo zeigt: 76% der Entwickler fallen in die "Red Zone" - sie erleben häufige Halluzinationen und haben geringes Vertrauen in AI-generierten Code.
Nur 3.8% der Entwickler berichten von sowohl niedriger Halluzinationsrate als auch hohem Vertrauen, AI-Code ohne menschliches Review zu shippen.
Der Vibe Coding Zyklus: Euphorie → Realität → Panik
Ich sehe diesen Zyklus ständig bei Gründern, die zu mir kommen:
Phase 1: Euphorie (Woche 1-4)
"Das ist unglaublich! In drei Tagen habe ich ein MVP, wofür eine Agentur drei Monate gebraucht hätte!"
Die Demo funktioniert. Screenshots auf LinkedIn. "Build in public" Posts mit Raketen-Emojis. Das Gefühl, das System gehackt zu haben.
Phase 2: Realität (Monat 2-3)
Die ersten echten User kommen. Und damit:
- Bugs, die niemand erklären kann
- Features, die plötzlich nicht mehr funktionieren
- Ladezeiten, die exponentiell steigen
- Edge Cases, an die niemand gedacht hat
Der AI-Assistent wird zunehmend verwirrt. Jeder Fix bricht drei andere Dinge.
Phase 3: Panik (Monat 3-6)
Zahlende Kunden. Wachstumsdruck. Und ein Codebase, den niemand versteht.
Wie ein Ingenieur es beschreibt: "It starts with a demo that looks like magic, but within three months, it turns into a Black Box that no one - not even the person who prompted it - can explain." (DEV Community)
Die fünf häufigsten Vibe Coding Fehler
1. Security wird ignoriert - komplett
Im Mai 2025 wurde entdeckt, dass 170 von 1.645 mit Lovable erstellten Web-Applikationen eine Schwachstelle hatten, die persönliche Daten für jeden zugänglich machte.
Typische Probleme:
- Input-Validierung fehlt: Bis zu 40% der AI-generierten Queries sind anfällig für SQL Injection
- Client-seitige Security Checks: AI implementiert Sicherheitsprüfungen oft auf der Client-Seite statt auf dem Server
- Hardcoded API Keys: Secrets landen direkt im Code statt in Environment Variables
Das passiert, weil AI-Modelle Security nicht priorisieren. Sie generieren Code, der "funktioniert" - nicht Code, der sicher ist.
2. "Accept All" als Entwicklungsmethode
Ein neues Angriffsschema namens "Slopsquatting" nutzt diese Schwäche aus: Angreifer registrieren Malware-Pakete auf NPM und PyPI unter Namen, die LLMs häufig halluzinieren.
Wenn du blind auf "Accept All" klickst, importierst du möglicherweise Malware direkt in deine Production-Umgebung - ohne zu wissen, dass das Package existiert.
3. Brute-Force statt Optimierung
AI-generierter Code löst Probleme oft mit Brute-Force-Ansätzen. Das funktioniert mit 10 Usern. Mit 1.000 Usern explodieren deine Cloud-Kosten.
Ein typisches Beispiel: Statt einer optimierten Datenbankabfrage generiert die AI nested Loops, die bei jedem Request die komplette Tabelle durchiterieren. Bei 50 gleichzeitigen Usern stirbt der Server.
Der Cortex Engineering Benchmark Report 2026 zeigt: PRs pro Author stiegen um 20% year-over-year - aber Incidents pro Pull Request stiegen um 23.5%, und Change Failure Rates um 30%.
Mehr Code. Mehr Probleme. Weniger Stabilität.
4. Silent Failures - die gefährlichste Art
Laut IEEE Spectrum haben neuere LLMs eine noch heimtückischere Failure-Methode entwickelt: Sie generieren Code, der nicht wie beabsichtigt funktioniert, aber oberflächlich erfolgreich läuft.
Wie? Indem sie:
- Safety Checks entfernen
- Fake Output erzeugen, der das erwartete Format matcht
- Andere Techniken nutzen, um Crashes zu vermeiden
Das ist schlimmer als ein Crash. Ein Crash fällt auf. Ein Silent Failure nicht - bis es zu spät ist.
5. Debugging wird zum Alptraum
"I would describe debugging AI-created code at scale as practically impossible." - So beschreibt ein erfahrener Ingenieur die Realität.
Bei Vibe Coding regenerierst du Code, bis er funktioniert - statt zu verstehen, warum er nicht funktioniert hat. Das baut keine Expertise auf. Es baut ein Kartenhaus.
Wann Vibe Coding trotzdem funktioniert
Ich bin kein Vibe Coding Hater. Ich nutze AI-Tools selbst täglich. Die Frage ist nicht ob, sondern wie.
Vibe Coding funktioniert für:
MVPs und Prototypen:
- Konzept validieren
- Erste Demo bauen
- Investor-Pitches
- Feature-Exploration
Boilerplate und Standard-Code:
- CRUD-Operationen
- UI-Komponenten nach Pattern
- Test-Scaffolding
- Documentation
Schnelle Iteration:
- A/B-Testing verschiedener Ansätze
- Proof of Concepts
- Interne Tools
Vibe Coding funktioniert NICHT für:
Production-kritische Systeme:
- Zahlungsabwicklung
- User-Daten
- Security-relevante Features
- Skalierbare Backends
Alles, wo du nicht erklären kannst, was passiert.
Der realistische Weg: Vibe to Production
Hier ist mein Framework für Gründer, die mit Vibe Coding starten wollen:
Stufe 1: Vibe für den Prototyp
Nutze AI voll aus. Generiere schnell. Validiere die Idee. Zeig es potentiellen Kunden.
Aber: Behandle es als Wegwerf-Code. Plane von Anfang an, dass du das meiste neu schreiben oder zumindest grundlegend reviewen musst.
Stufe 2: Review vor dem ersten zahlenden Kunden
Bevor echtes Geld fließt:
- Security Review (mindestens Basic-Level)
- Performance-Check unter realistischer Last
- Error Handling verifizieren
- Logging und Monitoring einbauen
Stufe 3: Refactoring für Skalierung
Ab $5k MRR oder 100+ aktiven Usern:
- Kritische Pfade verstehen und dokumentieren
- Datenbank-Queries optimieren
- Caching einbauen
- CI/CD-Pipeline aufsetzen
Stufe 4: Production Hardening
Ab $20k MRR oder seriösem Funding:
- Full Security Audit
- Load Testing
- Disaster Recovery Plan
- Compliance prüfen (DSGVO!)
Praxis-Beispiel: Der €40k MRR Founder
Ein Founder kam zu mir mit genau diesem Problem: €40k MRR, aber ein Codebase, den niemand mehr verstand.
Ausgangssituation:
- MVP komplett mit Cursor gebaut
- 2.000+ zahlende User
- Regelmäßige Ausfälle bei Traffic-Spikes
- Keine Ahnung, wo das Security-Problem liegt (es gab eins)
- Series A geplant - Due Diligence würde ein Disaster werden
Was wir gemacht haben:
Woche 1-2: Verstehen
- Code-Architektur dokumentieren
- Kritische Pfade identifizieren
- Security Scan durchführen
Woche 3-4: Stabilisieren
- Logging und Monitoring einbauen
- Die drei kritischsten Security-Lücken fixen
- Basic Error Handling implementieren
Woche 5-8: Optimieren
- Datenbank-Queries optimieren (40% davon waren N+1 Queries)
- Caching Layer einbauen
- CI/CD Pipeline aufsetzen
Ergebnis:
- Response Time: 2.4s → 180ms
- Uptime: 97.5% → 99.9%
- Security-Findings: 12 Critical → 0
- Due Diligence bestanden
Der Unterschied? Das System war jetzt production ready.
Die unbequeme Wahrheit
Vibe Coding ist mächtig. Es demokratisiert Software-Entwicklung. Es ermöglicht Non-Technical Foundern, ihre Ideen zu bauen.
Aber es ist kein Ersatz für Engineering-Expertise. Es ist ein Werkzeug - und wie jedes Werkzeug kann es großartig sein oder Schaden anrichten, je nachdem, wie du es nutzt.
Die Zahlen lügen nicht:
- 1.7x mehr Issues
- 48% Security-Lücken
- 76% der Entwickler misstrauen dem Output
- 23.5% mehr Incidents pro PR
Das bedeutet nicht, dass du Vibe Coding nicht nutzen solltest. Es bedeutet, dass du verstehen musst, wo die Grenzen sind - und wann du Hilfe brauchst.
Fazit
Vibe Coding ist wie Autofahren lernen auf einem leeren Parkplatz. Großartig, um die Basics zu lernen. Aber irgendwann musst du auf die echte Straße - und dann gelten andere Regeln.
Die wichtigsten Takeaways:
- Vibe Coding produziert messbar mehr Issues als menschlicher Code
- Security ist das größte Risiko - AI priorisiert es nicht
- "Es funktioniert" ist nicht dasselbe wie "production ready"
- Nutze Vibe Coding für MVPs, aber plane den Übergang zu Production
- Hol dir Expertise, bevor du skalierst - nicht danach
Nächste Schritte
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Quellen:
- CodeRabbit: State of AI vs Human Code Generation Report
- TechRadar: AI-generated code contains more bugs and errors
- The Register: AI-authored code needs more attention
- Qodo: State of AI Code Quality 2025
- Stack Overflow Blog: Vibe coding without code knowledge
- IEEE Spectrum: AI Coding Degrades
- DEV Community: The Vibe Coding Hangover
- The Register: Vibe coding may be hazardous to open source
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